ANDREAS MÖLZER
Abgeordneter zum Europaparlament

Spezialinformation: Pulverfaß Balkan

Seit Jahrzehnten hochexplosives Gemisch

Die Mutter aller heutigen Balkankrisen sind immer noch die Balkankriege am Anfang und am Ende des 20. Jahrhunderts. Südslawischer Nationalismus, großserbische Verschwörungen, die Machinationen und Einflüsse von Franzosen, Briten gegen die Mittelmächte und natürlich der allgegenwärtige Hass gegen Habsburg, gegen den Völkerkerker der Monarchie bildeten das explosive Amalgam, welches im Sommer 1914 hochging. Der Kosovo-Krieg mit den amerikanischen Luftangriffen gegen Serbien bildete den vorläufigen Höhepunkt des ständig schwelenden Balkankonfliktes. Eine von Feindschaft und gegenseitigem Misstrauen geprägte Vergangenheit vergiftet schon seit Jahrzehnten die Beziehungen zwischen Albanern und Serben. Die Staatswerdung des Kosovo nunmehr und die unversöhnlichen serbischen Reaktionen lassen erahnen, dass es noch brutaler kommen könnte.

 

1999, nach den NATO-Angriffen, kam der Kosovo unter Übergangsverwaltung von UNO und Nato. Die Kosovo-Resolution 1244 des UNO-Sicherheitsrates, in der die territoriale Unversehrtheit des serbischen Staates verankert ist, sollte – so wurde ausdrücklich bestimmt – gelten, bis der Sicherheitsrat eine andere Entscheidung trifft. Grundsätzlich war geplant, die Verwaltung an die EU abzugeben, was aber aufgrund des massiven Widerstands aus Russland nie geschah. An dieser Stelle sei noch darauf hingewiesen, daß mit der UNO-Resolution 1244 der Kosovo Serbien, das 1999 von Slobodan Milosevic regiert wurde, nicht weggenommen wurde. Heute aber, wo Serbien eine Demokratie ist, soll es den Kosovo verlieren.

Scherbenhaufen EU-Balkan-Politik

Über ein Jahr wurden vergeblich internationale Verhandlungen über eine Regelung der künftigen Beziehungen zwischen Serbien und Kosovo geführt. Problematisch ist, dass schon zu Beginn der Verhandlungen im Februar 2006 die Unabhängigkeit als einzige Option feststand, also nicht nach Alternativlösungen gesucht wurde und auch die gewählten Verhandler ausdrücklich diese Linie vertraten. Während die Kosovo-Albaner enttäuscht waren, dass der sog. Ahtisaari-Plan keine völlige Unabhängigkeit vorsah, ging dieser den Serben zu weit. Zudem wurden auch die Russen einmal mehr nicht konsequent einbezogen. Mit der Annahme des Ahtisaari-Vorschlags wäre einem demokratischen friedlichen Land Territorium weggenommen worden, um dem Streben einer ethnischen Minderheit gerecht zu werden, die bereits ihren Nationalstaat hat. Serbien bot dem Kosovo zwar weitgehende Autonomie an, wollte ihm jedoch keine Armee und kein Außenministerium zugestehen.

Hier am Balkan, quasi vor der eigenen Haustüre, hätte die EU beweisen können, dass sie zur Lösung von Konflikten in der Lage ist. Wie auch im Gaza-Gebiet wurde die Europäische Union, nicht zu Unrecht, nicht als ehrlicher Vermittler wahrgenommen. Eine Kombination aus Uneinigkeit in der Kosovo-Frage, als Ergebnis der fortschreitenden Aufblähung der EU, sinnlosen Handlangerdiensten gegenüber den USA – die ja nicht zuletzt dem Kosovo auch eine taktische Vorgehensweise für seine Sezessionsbestrebungen vorschlugen – und eine Reihe von Fehlern hat uns nun am 17. Februar 2008, die Unabhängigkeitserklärung beschert.

Problematik Selbstbestimmungsrecht der Völker

Aus der Taufe gehoben wurde dieses Selbstbestimmungsrecht der Völker im Zuge des Ersten Weltkriegs wohl in erster Linie, um die Zerschlagung der drei mittel- und osteuropäischen Kaiserreiche rechtfertigen zu können. Weniger dem wilhelminischen Deutschland als vielmehr das zaristische Russland mit seiner imperialen Herrschaft über Osteuropa und der Habsburger Monarchie galt dieser Wille zur Destruktion. Dynastische Ansprüche und historische Reichsideen sollten angesichts der Kraft nationalen Selbstständigkeitswillens hinweg gefegt werden. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde dabei allerdings auch nicht mit absoluter Konsequenz durchgezogen. Serben, Kroaten, Slowenen und andere hatten im SHS-Königreich zusammen zu leben. Tschechen und Slowaken wurden von Prag aus beherrscht. Zahlreiche kleine Minderheiten, nicht zuletzt Volksdeutsche, konnten dieses Selbstbestimmungsrecht ohnedies nicht für sich in Anspruch nehmen.

Das Völkerrecht selbst enthält kein Sezessionsverbot, strittig ist allerdings, ob dritte Staaten berechtigt sind, den neu proklamierten unabhängigen Staat Kosovo anzuerkennen und damit die Abspaltung zu legitimieren. Eine Abspaltung von Teilen eines souveränen Staates aktiv zu unterstützen ist nämlich nach den allgemeinen Regeln des Völkerrechts nicht zulässig, es gilt als verbotene Einmischung in die inneren Angelegenheiten des betroffenen Staates.

Gewiss, das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist zu wahren. Der Kosovo ist aber seit Jahrhunderten serbisches Kerngebiet. Nur aufgrund hoher Geburtenraten der Albaner und des Abwanderungsdrucks gegenüber Serben kam es zu einer schleichenden Übernahme der Region. Dies kann nicht Grundlage für einseitige Unabhängigkeitserklärungen sein. Ein Präsidenzfall Kosovo könnte zu einer Kettenreaktion separatistischer Tendenzen führen, also die gesamte Region destabilisieren.

Die Büchse der Pandora wurde geöffnet

Die beiden dominanten Völker dieses ehemaligen Jugoslawiens, die Serben und die Kroaten, haben noch immer das größte Territorium und einen relativen großen Bevölkerungsanteil zu halten vermocht. Serbien allerdings verliert mit dem Kosovo nicht nur vormaliges Kernland, es hat nunmehr auch insbesondere in Bosnien, im Kosovo, aber auch in Mazedonien und natürlich auch in Montenegro erhebliche serbische Volksteile im Ausland, weshalb so etwas wie eine serbische Irredenta zwangsläufig entstehen wird, wenn die neuen Staatsgrenzen tatsächlich länger Bestand haben. Für Kroatien trifft das nur auf Bosnien zu, wo in der Herzegowina eine erhebliche Zahl von Kroaten lebt.

Überhaupt ist Bosnien so etwas wie der erste Sündenfall der internationalen Gemeinschaft in der Europäischen Union gewesen. Brüssel glaubt bis zum heutigen Tag, mit der Durchsetzung des Dogmas von multi-ethnischen, multikulturellen Staatsverbänden können sowohl in Bosnien als auch im Kosovo der alte nationale Hass und die damit verbundenen Konflikte auf Dauer neutralisiert werden. Und wenn es darum geht, US-amerikanischen geostrategischen Interessen entgegen zu kommen, ist man sogar bereit, bestehende Grenzen, wie im Falle des Kosovo zu verändern, wohl wissend, dass damit die nationalen Konflikte weiter angeheizt werden.

Einmal mehr misst die EU deshalb mit zweierlei Maß: In Hinblick auf Bosnien sollten mehrere ethnische Gruppen dazu gedrängt werden, in einem eigenen Staat zusammen zu leben. Für den Kosovo jedoch gilt gleiches nicht. Da ist es auf einmal für eine ethnische Gruppe legitim, sich von einem bestehenden Staat abzuspalten. Die serbischen Bürger sind natürlich enttäuscht über die offensichtliche Doppelmoral. Konsequenterweise verlangen nunmehr auch die bosnischen Serben aus der Republik Srpska gemeinsam mit den kosovarischen Serben die Abtrennung ihres Gebiets und die Selbstständigkeit bzw. den Anschluss an Serbien. Mit welchen Argumenten die internationale Gemeinschaft, insbesondere die Europäische Union, dieses Ansinnen nun abschmettern will, ist nach der Anerkennung des Kosovo einigermaßen rätselhaft.

 

Auf dem Balkan streben eine ganze Reihe weiterer Völker nach Autonomie. Separatistische Tendenzen gibt es in Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Montenegro, Südserbien, Sandschak und Vojvodina. Nach der Unabhängigkeit des Kosovos wachsen aber auch die Befürchtungen, die Albaner auf dem Balkan könnten eine Vereinigung in einem gemeinsamen „Großalbanien“ anstreben, in diesem Fall wäre natürlich eine erneute Eskalation einer Reihe schwelender Konflikte vorprogrammiert. In anderen Teilen Europas aber auch rund um den Globus sieht man den „Fall Kosovo“ als Beweis dafür, dass ein Kampf für einen unabhängigen Staat keine Utopie ist. Eine Reihe von Minderheitenkonflikte (im Baskenland, in Katalonien, Schottland, Nordirland, Flandern, Korsika, Nordzypern, Kurdistan, Transnistrien, Abchasien, Südossetien, Berg-Karabach und Tschetschenien) werden durch die Ereignisse wohl neu entfacht werden. Wenn etwa die Türken den „Präsidenzfall Kosovo“ als Ausrede zur Legalisierung ihrer Besetzung Nordzyperns missbrauchen, wird es für die EU erst recht ungemütlich.

Völkerrechtsbruch ja oder nein?

Mit der Proklamation eines unabhängigen Kosovos, der „dem Frieden und der Stabilität verpflichtet ist“, haben die Kosovo-Albaner einen zweischneidigen Schritt gewagt. Allen schönen Worten in der neu ausgerufenen Verfassung, in der die Rede ist von einer „demokratischen, laizistischen und multiethnischen Gesellschaft“ und dem Schutz des kulturellen und religiösen Erbes (in Anspielung auf die serbische Minderheit) zum Trotz, sind die Befürchtungen der serbischen Minderheit im Lande nicht von der Hand zu weisen. Der neue Staat Kosovo hat ein paar Schönheitsfehler: er wird nicht von der UNO anerkannt und der Norden ist de facto abgetrennt. Von den noch anstehenden Problemen werden die Suche nach einer Nationalhymne und eine neue Nationalfahne wohl nur kurzfristig ablenken können.

Zahlreiche Völkerrechtsexperten sehen in der unilateralen Unabhängigkeitsproklamation eine flagrante Verletzung der Sicherheitsratsresolution 1244 aus dem Jahr 1999 und einen Völkerrechtsbruch. Das Völkerrecht schützt die territoriale Integrität eines Staates, es gibt nur zwei Ausnahmen. Entweder einigen sich die Landesteile auf eine Spaltung, oder ein Teil spaltet sich wegen einer Unterdrückungssituation ab. Damit hätte man möglicherweise vor 1999 argumentieren können, aber unter UNO und NATO Protektorat wohl kaum.

Mit der Anerkennung der einseitigen Unabhängigkeitserklärung des Kosovo würden – so der Tenor – einige westliche Staaten das gesamte internationale Rechtssystem zugrunde richten. Russland und eine Reihe anderer Staaten, darunter auch jene mit Minderheitenproblemen, verweigern die Anerkennung des unabhängigen Kosovos, diese wurde von annähernd 30 Staaten anerkannt, darunter Österreich, Deutschland, Frankreich, Großbritannien aber auch die USA und die Schweiz. Pragmatisch scheint man abzuwarten, bis Gras über die Sache gewachsen ist.

Kritisiert wird, neben dem vor allem auch, dass die Serben im Kosovo zu Flüchtlingen im eigenen Land gemacht wurden und der Kosovo nicht wirklich Unabhängigkeit erlangen konnte, sondern sich zum Sklaven der USA und der EU machte.

Umstrittene EU-Mission

Im Rahmen der EU-Mission EULEX, für deren ersten 16 Monate 205 Millionen im EU-Haushalt eingeplant wurden, sollen mehr als 2.000 Polizisten, Richter, Staatsanwälte und Verwaltungsfachleute in den Kosovo entsendet werden, um dort für Recht und Ordnung zu sorgen. Dabei hofft man darauf, die entsprechenden Kompetenzen von der bisherigen UNO-Verwaltung (UNMIK) übertragen zu bekommen.

Die seit einigen Jahren erarbeitete Eigenständigkeit des Kosovos basiert hauptsächlich auf der rechtlichen und tatsächlichen Macht, welche die beiden UN-Missionen KFOR (militärische Präsenz) und UNMIK (Zivilpräsenz) ausüben. Vor dem UNO-Sicherheitsrat beschuldigt Serbien die Europäische Union des Rechtsbruchs, die geplante Entsendung der Mission EULEX widerspreche den Prinzipien der Vereinten Nationen und den Vereinbarungen von Helsinki. Die EU widerrum bezieht sich auf die Resolution 1244, in der eine internationale Zivilpräsenz im Kosovo genehmigt wurde und auch der Einsatz internationaler Polizeibeamter wurde darin festgehalten.

In der UNO ist man jedenfalls betreffend der EULEX-Mission im Nord-Kosovo skeptisch, seit Mitte Februar gab es wiederholt Bombenangriffe auf den geplanten EULEUX Sitz, auch wurden Mitglieder der EU-Mission im Kosovo wegen des hohen Sicherheitsrisikos aus dem serbisch besiedelten Norden vorübergehend zurück gezogen.

Diese Überlegungen waren, die die jüngste Vergangenheit zeigt, nicht zu Unrecht. Am 17. März haben aufgebrachte Serben die Polizei der Uno-Verwaltung (UNMIK) und Soldaten der internationalen Schutztruppe (KFOR) angegriffen. Bei der Räumung eines Uno-Gerichtsgebäudes im Nordkosovo, das von serbischen Demonstranten besetzt wurde, kam es zu schweren Auseinandersetzungen.

Ist der Kosovo überlebensfähig?

Bereit während der Zeit des Kalten Krieges galt der Kosovo als „Armenhaus Jugoslawiens“, heute ist er einer der ärmsten Regionen Europas. Trotz des Status als UNO-Protektorat und millionenschweren Unterstützungen sind die wirtschaftlichen Daten katastrophal geblieben: Rund 50 Prozent der erwerbsfähigen Menschen im Kosovo sind arbeitslos, als Lösung fordert die Regierung in Pristina einen Zugang zum EU-Arbeitsmarkt. Noch schlimmer sind die Zukunftsaussichten für die Jugendlichen, deren Überlegungen sich bei einer Jugend-Arbeitslosenquote von 65 Prozent nur darum drehen, wie sie am besten aus ihrem Land raus können. Bei einem durchschnittlichen monatlichen Lohn von 220 Euro sind die meisten Haushalte auf Unterstützung von einem im Ausland arbeitenden Familienmitglied angewiesen.
Die schon zu Zeiten der Republik Jugoslawien nur schwach entwickelte Infrastruktur, die unter dem Krieg 1999 zusätzlich litt, konnte bis heute nicht ausgebaut werden. Nach der Aufhebung der Autonomie des Kosovos in den 80er Jahren baute die albanische Bevölkerungsmehrheit eine Art Parallelsystem in Verwaltung und Bildung auf, mit größtenteils schlechter Qualität der privaten Schulen. Ein kaum ausgeprägtes, korruptes Rechtssystem ist kaum geeignet, bei Investoren Vertrauen hervor zu rufen.

Einmal mehr greift die EU tief in die Brieftasche, um dem neuen Staat Kosovo mit rund 120 Millionen Euro beim Aufbau rechtsstaatlicher Institutionen, dem Ausbau des Bildungssystems und der wirtschaftlichen Entwicklung zu helfen sowie die Rückkehr von Flüchtlingen zu ermöglichen. Da die aus dem Krieg hervorgegangene Organisierte Kriminalität kombiniert mit der albanischen Tradition enger Familienbanden ein undurchsichtiges Netz an Korruption entstehen hat lassen, welches selbst vor der UN-Verwaltung nicht halt machte, ist davon auszugehen, dass hier erneut Millionen in schwarzen Kassen versickern werden.

Serbien: Spaltpilz EU-Annäherung

Wegen der künftigen Kosovo- und EU-Politik schlitterte die Regierungskoalition in eine tiefe Regierungskrise, für den 11 Mai sind Neuwahlen vorgesehen. Die serbische Regierung hat demnach die Unabhängigkeit des Kosovos nicht überlebt. Serbien steht in der Zwickmühle: Nachdem viele EU-Staaten den Kosovo anerkannt haben, läuft jeder Gefahr als Verräter gebrandmarkt zu werden, der eine Mitgliedschaft Serbiens in der EU befürwortet. Die EU wird als Organisation bezeichnet, der man nicht länger trauen dürfte, die widerrechtlich, ohne UN-Sicherheitsratsbeschluss eine „Okkupationsmission“ in den Kosovo entsendet. Wie soll man da dem Wähler vermitteln, dass eine EU-Mitgliedschaft Serbiens keine stillschweigende Anerkennung des Kosovos bedeutet?

 

In den vergangenen Jahren wurden serbische Wahlen stets auch in den kosovarischen Serbien-Enklaven abgehalten. Im Bezug auf die am 11. Mai anstehenden Parlaments- und Kommunalwahlen warnten die Kosovo-Albern vor eine Einbeziehung derselben, dies würde die Souveränität des Kosovo in Frage stellen.

Sollten prowestliche Kräfte die Neuwahlen gewinnen, wird die Annäherung an die EU gewiss fortgesetzt und die Bürger mit der wirtschaftlichen Prosperität – so die Hoffnung – wohl allmählich lernen, mit dem Verlust des Kosovo zu leben. Gewinnt hingegen der patriotische Block, wird das Thema EU-Beitritt für unbestimmte Zeit Tabu sein. Die ohnehin angespannten Beziehungen mit dem Westen könnten gar in Feindseligkeiten umschlagen. Dann stehen wohl aktiver Widerstand gegen kosovarische Institutionen und die EU-Mission sowie vermehrte Gewaltausbrüche bevor.

Ergebnisse vom 21. Jänner 2007

Und nun fängt natürlich auch der Kleinkrieg an, mit Streik öffentlicher serbischer Beamter im Kosovo, strengeren Einreiseregeln an den Grenzübergängen Serbiens zum Kosovo (KFOR hilft bei der Grenzsicherung), mit gestoppten Lieferungen dringend benötigter Medikamente für die zentralkosovarische Serben-Enklave unter dem Vorwand mangelnder Genehmigung, mit dem Streit um Zugverbindungen… Prinzipiell führt Serbien kein Wirtschaftsembargo gegen den unabhängigen Kosovo, um die dort lebenden Serben nicht zu treffen. De facto haben aber serbische Firmen wegen der unklaren Situation ihre Lieferungen eingestellt, da der Geldverkehr mit dem Kosovo noch nicht geregelt ist und die Gefahr besteht, dass Lkws mit serbischen Kennzeichen außerhalb der serbischen Enklaven angegriffen werden.

Serbien wird weiterhin die internationalen Schulden für den Kosovo bezahlen, schließlich würde eine Einstellung der Kreditabzahlung die Anerkennung der Unabhängigkeit bedeuten. Seit 2002 hat Serbien 328,4 Millionen Dollar Schulden für den Kosovo bezahlt, heuer werden es 90 Millionen Dollar sein. Wirtschaftsexperten sind der Ansicht, dass langfristig die Kosten der Kosovo-Abspaltung für Serbien hoch sein könnten, wenn Belgrad die Gelegenheit verpasst, eine wirtschaftliche und politische Partnerschaft mit dem Kosovo aufzubauen.

Kommt ein neuer Flächenbrand?

Wenn Staatsgrenzen durch einseitige Unabhängigkeitserklärungen geändert werden und diese von der Völkergemeinschaft auch anerkannt werden, dann müsste man für den Balkan wohl zukunftsträchtigere und wirklich friedensstiftende Konzepte andenken. Wenn schon, dann sollte man das Selbstbestimmungsrecht der Völker radikal und umfassend anwenden. Dann müsste man Volksabstimmung durchführen, so etwas wie ein privatrechtliche Entflechtung der Siedlungsgebiete durchführen, durch Ablösung und Verkauf von Liegenschaften und freiwillige Absiedlung von Bevölkerungsteilen, die mit anderen Ethnien nicht zusammen leben wollen. Natürlich dürfte dann ein gesamtalbanischer Staat, der das Siedlungsgebiet aller Albaner in Albanien selbst, im Kosovo, aber auch in Mazedonien und in Bosnien umfasst, denkbar sein. Natürlich müssten dann die Serben in allen jugoslawischen Nachfolgestaaten darüber abstimmen, wieweit sie in einem oder in mehreren Staaten leben wollen. Und man müsste einmal überprüfen, wie weit Montenegriner und Mazedonier wirklich eigenständige Ethnien mit eigenständiger Sprache und Kultur sind und wie weit sie den Willen zu eigenen Staaten haben.

Was derlei Vorgangsweise für Europa zwischen dem Baltikum und dem Balkan bedeuten würde, ist allerdings auch klar. Dann müssten sich die meisten Staaten auflösen. Warum sollten die Ungarn in Siebenbürgen oder der südlichen Slowakei, warum die Russen in den baltischen Staaten und warum die Deutschen im polnischen Oberschlesien oder in Südtirol auf derlei Selbstbestimmung verzichten. So gesehen hat man mit der Anerkennung des Kosovo tatsächlich die Büchse der Pandora geöffnet. Mit weit größerer Berechtigung könnten historisch gewachsene Volksgruppen die über Jahrhunderte in ihren heutigen Siedlungsgebieten saßen, ihre staatliche Selbstständigkeit fordern, wenn dies eine Zuwanderernation wie der Kosovo tun kann.

 

Angesichts dieser Sprengkraft, die das Selbstbestimmungsrecht der Völker in derart vielgestaltigen multi-ethnischen Gebieten zwangsläufig entwickelt, wäre die einzige Alternative wohl die Europäisierung dieser Territorien. Ethnisch-kulturelle Gemengelage wie sie in Osteuropa allenthalben auftreten und insbesondere am Balkan prägend ist, kann möglicherweise wirklich nur in übernationalen Verbänden, wie es etwa seinerzeit in der Habsburger Monarchie war, einigermaßen friedlich gelöst werden. Die europäische Perspektive für den gesamten Westbalkan stellt eine solche Lösung ja in Aussicht. Und wenn alle jugoslawischen Nachfolgestaaten einst Mitglieder der Europäischen Union sind, etwa mit grenzenlosem freien Waren- und Güterverkehr, mögen die Nationalitätenkonflikte in der Tat überwindbar sein.

Die heutige Situation allerdings lässt vermuten, dass der Balkan noch über Generationen das Pulverfass Europas bleiben wird. Der gekränkte Stolz der serbischen Nation, der nunmehr hoch gepeitschte nationalistische Übermut der Albaner, die ungelöste Frage der bosnischen Kroaten und insgesamt die mangelnde ökonomische Lebensfähigkeit der meisten Nachfolgestaaten bergen Sprengpotential in Hülle und Fülle. Überdies ist es das Engagement der beiden Großmächte, das der US-Amerikaner in Albanien und im Kosovo und das der Russen in Serbien und in Montenegro, das eine Befriedigung der gesamten Region durch die Europäische Union alleine nahezu unmöglich macht.

Vielmehr läuft die Europäische Union mit ihrer einseitigen Unterstützung der Kosovo-Albaner Gefahr, sich einmal mehr zum Vasallen der USA zu machen und das aus energiepolitischen Gründen so wichtige Verhältnis unnötigerweise zu verschlechtern. Ein unabhängiger Kosovo, der auf absehbare Zeit politisch wie auch wirtschaftlich schwach bleiben wird, wäre für die USA ein pflegeleichter Verbündeter. Daher drängte Washington von Beginn der Kosovo-Verhandlungen darauf, daß einzig in der Eigenstaatlichkeit die Lösung liegen könne. Und spätestens im Frühjahr 2007 wurde deutlich, daß die USA die Kosovo-Gespräche nur mehr zum Schein führen und nötigenfalls eine Unabhängigkeit ohne den Beschluß des UNO-Sicherheitsrates durchsetzen wollen. „Der Kosovo wird mit oder ohne eine UNO-Resolution unabhängig“, sagte Daniel Fried, Unterstaatssekretär im US-Außenministerium am 28. April 2007 bei einer Tagung in Brüssel. Und im Dezember 2007 forderte die in Brüssel ansässige „International Crisis Group“ (ICG) den Westen auf, Serbien unter Druck zu setzen, „damit es die Realität“ – also einen unabhängigen Kosovo – anerkennt. Außerdem sprach sich die ICG, eine von George Soros, einem US-amerikanischen Milliardär ungarischer Herkunft gesponserte Denkwerkstatt dafür aus, dass die EU eine Verschlechterung ihrer Beziehungen zu Rußland in Kauf nehmen soll.

EU-Protektorate, russische bzw. US-amerikanische Satellitenstaaten, gekränkter serbischer und kroatischer Nationalismus und die partielle Radikalisierung des bosnischen und albanischen Islam bringen eine Potenzierung der historischen gewachsenen Probleme mit sich, die gegenwärtig niemand zu lösen weiß. Und wer glaubt, dass aus lokalen Protestaktionen oder kleinräumigen ethnischen Konflikten nicht wieder weltweite Flächenbrände entstehen könnten, wie seinerzeit im Jahre 1914, der macht sich möglicherweise Illusionen.

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